Versicherungsspitzen heute: Tiefenpsychologie der Kühlschränke

So lautete eine Überschrift in einem Beitrag des Versicherungsjournals. Dieser Beitrag endete mit folgenden Sätzen:

„Am Anfang aller unternehmerischen Bemühungen indes sollte eine – jetzt möglichst dreidimensionale – Potenzial-Analyse erfolgen. Tiefenpsychologie kann hier schon einmal auf Big Data treffen und beim potenziellen Kunden manch Vorbehalt in Sachen Datenschutz offenbaren. Nicht zuletzt fürchtet manch einer schon den Angriff der hochvernetzten Kühlschränke.“

Zugegebenermaßen habe ich diese Ausführungen nicht verstanden. Was ist eine „dreidimensionale Potenzialanalyse“? Was hat eine Tiefenpsychologie, die üblicherweise auf Sigmund Freud zurückgeführt wird, mit Big Data zu tun? Und die wichtigste Frage: Um was für einen „Angriff der hochvernetzten Kühlschranke“ soll es gehen?

Ich finde keine Antworten. Das liegt sicherlich darin, dass ich als Jurist nur wenig mit einer Sprache anfangen kann, deren Erkenntnisgewinn recht überschaubar ist und die Präzision und Klarheit durch Anglizismen und/oder ebenso nichtssagende wie blumige Begrifflichkeiten ersetzt. Jedenfalls wollte dieser Beitrag versuchen, das „Smart Home“ in einem Haushalt zu erklären.

Aber was versteckt sich unter dem Schlagwort „Smart Home“?

Unter einem Smart Home versteht man üblicherweise die intelligente Vernetzung einzelner Komponenten innerhalb des Hauses (Hardware und Services) und deren zentrale Steuerung und Überwachung über Endgeräte. Der eigentliche Mehrwert von Smart Home liegt im intelligenten Zusammenspiel der Komponenten und nicht (nur) in der Ansteuerung der einzelnen Hardware.

Für den Versicherungsnehmer und den Versicherer bietet diese smarte Zuhause auf den ersten Blick viele Vorteile: Es können viele schadenverursachende Ereignisse so früh erkannt werden, dass es zu keinem Schaden mehr kommt, zum Beispiel wenn ein Sensor an den Leitungen schon einen Haarriss meldet, bevor der „erste Tropfen“ austritt. Aber auch die Marketingabteilung des Versicherers freut sich, da durch das Smart Home nebst Rabattierung für die Hardware-Komponenten und die Versicherungsprämie sich die Kundenbindung erhöht. Auch werden neue Zielgruppen angesprochen, seien es insbesondere alte und hilfebedürftige Personen, sei es die junge Generation der „digitalen Ureinwohner“. Bei vielen anderen wird dies nicht der Fall sein. Ich glaube kaum, dass zum Beispiel die Bundeskanzlerin, für die das Internet im Jahre 2013 „Neuland“ war, das Bundeskanzleramt auf Smart Home umrüsten wird.

Für Juristen stellen sich zudem interessante Fragen des Versicherungsrechts: Was macht der Versicherungsnehmer, wenn bei einem vorgeblichen Einbruchdiebstahl keine genügenden Einbruchspuren vorhanden sind, weil der Täter sich den Zugang zum Smart Home „gehackt“ hat, indem er das WLAN-Netz des Versicherungsnehmers infiltrierte? Oder kann sich der Feuerversicherer auf die grob fahrlässige Herbeiführung des Versicherungsfalls berufen, wenn der Versicherungsnehmer auf der Autobahn über Fernsteuerung seine Sauna zu Hause schon einmal aufheizt und ein auf dem Ofen zurückgelassenes Handtuch Feuer fängt?

Wie ist es vertragsrechtlich zu bewerten, wenn diese Systeme künftig selbständig handeln? Kann man ab einem bestimmten Grad der Autonomisierung noch sagen, ob die Erklärungen, die durch das System erzeugt werden, vom Betreiber des Systems stammen und diesem zurechenbar sind? Auch wenn ich mir einen „Angriff der hochvernetzten Kühlschränke“ so recht nicht vorstellen kann: Wenn seine Sensoren dem so intelligenten Kühlschrank „Nachschubbedarf“ melden und dieser statt zwei Gläser Senf versehentlich zwei Europaletten Senf einkauft, ist ein wirksamer Kaufvertrag durch den Kühlschrank geschlossen worden? Zur Beruhigung: Auf Grundlage der gegenwärtigen Rechtslage ist jedenfalls eines klar: Diese Systeme haben keine eigene Rechtspersönlichkeit. Die Erklärung des Kühlschranks ist immer eine des Nutzers, da dieser die Rahmenbedingungen vorgibt.

Wie sieht es schließlich haftungsrechtlich aus, wenn diese Systeme „durchdrehen“ und uns, was ja der Verfasser des eingangs erwähnten Beitrags befürchtet, die Kühlschränke angreifen? Der Jurist blättert als erstes (online) im Gesetz und findet so recht nichts, was passt. Deliktische Haftung oder Haftung nach dem Produkthaftungsgesetz? Mag sein, aber dann muss zunächst einmal ein Fehler dem Hersteller nachgewiesen werden, unabhängig von der Frage, ob überhaupt ein Verschulden vorliegt. Bei einem „angreifenden Pkw“ ist es einfacher, da man dort bereits den Gefährdungshaftungstatbestand des § 7 StVG hat. Kommt vielleicht eine analoge Anwendung der verschuldensunabhängigen Tierhalterhaftung, also des § 833 Satz 1 BGB in Betracht („Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen“)? Es handelt sich zwar um eine gesetzliche Ausnahmeregelung und bei einer solchen ist mit einer Analogie Zurückhaltung geboten, aber keineswegs ausgeschlossen. Die Interessenslage ist durchaus vergleichbar, profitiert doch der Tierhalter von seinem Tier, gleichzeitig eröffnet er jedoch eine Gefahrenquelle, auf die er aufgrund der tierischen Unberechenbarkeit keinen absoluten Zugriff hat. Es gibt also durchaus Parallelen zu dem „angreifenden Kühlschrank“. Und entspricht das nicht ohnehin unserem Empfinden (insbesondere bei Benutzung eines Windows-Rechners): „Computer sind tierisch“?

Dirk-Carsten Günther, 12-2015

Prof. Dr. Michaele Völler, wie erleben Sie die digitale Lehre?

Die TH Köln fragt bei unsere Kollegin Michi Völler nach – die Antworten lesen Sie auch hier. Der orginale Interview ist online bei der TH Köln im Oktober 2020 erschienen.

Vier Fragen an Prof. Dr. Michaele Völler

Prof. Dr. Michaele Völler ist Studiengangsleiterin des Master Risk and Insurance und experimentiert bei der Umstellung ihrer Lehre mit verschiedenen Formaten: von interaktiven Sessions per Webkonferenzen über angeleitetes Selbststudium auf Basis ausgewählter, vorgegebener Materialien oder Projektarbeiten mit Coaching in Webkonferenzen bis hin zu Screen- und Podcasts. Ihr Motto: „Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“

Was funktioniert virtuell genauso gut wie in der Präsenzveranstaltung?
Alle Lehrformate, die auch in der Präsenz viel Eigenaktivität der Studierenden verlangen, funktionieren nach meiner Erfahrung sehr gut. Problembasiertes Lernen, projektorganisiertes Lernen, forschendes Lernen, all das kann ich recht leicht in die digitale Welt übertragen. Selbst unsere Echtprojekte mit Auftraggebern aus der Versicherungswirtschaft laufen sehr gut.

Was kann die virtuelle Version nicht ersetzen?
Schwierig wird es bei Großveranstaltungen, bei denen die Studierenden stärker eine Konsumhaltung einnehmen können. Die Lernziele sind dort schwieriger zu erreichen. Die Aktivierung der Studierenden in der Großgruppe erscheint mir ohne Präsenz sehr herausfordernd, so dass ich gerade hier an Tricks und Instrumenten arbeite.

Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?
In der Didaktik heißt es so schön, dass man den „Beziehungsteppich“ zwischen dem Lehrenden und den Lernenden ausbreiten soll, um das Lernen zu fördern. Darum bemühe ich mich immer. Ich habe sehr viel Leidenschaft für meine Studierenden, lerne beispielsweise ihre Namen auch in Großgruppen und freue mich auch über die Zufallskontakte und Begegnungen auf dem Flur und in der Mensa. Das fällt nun weg, so dass die Beziehung zu den Kursen eine andere Qualität hat. Besonders stark ist der Unterschied für mich bei den Kursen, deren Kursmitglieder ich erst im Sommersemester 2020 kennengelernt habe. Ich fühle mich viel entfernter von den Studierenden und isolierter als sonst.

Werden Sie bei der Umstellung auf den Präsenzlehrbetrieb ein digitales Format beibehalten?
Garantiert. Aber es ist zu früh, um zu sagen, was ich übernehmen werde. Im Moment experimentiere ich noch und mache viele positive und ermutigende Erfahrungen. Auch die Resonanz der Studierenden ist sehr positiv. Es wird gelobt statt gemeckert. Toll!

Neuer Fragebogen zum Fahrverhalten junger Verkehrsteilnehmer

Junge Autofahrerinnen und Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren sind in Deutschland doppelt so häufig in Unfälle verwickelt wie ältere Verkehrsteilnehmer. Damit die Ursachen dieses Phänomens besser untersucht werden können, hat Tim Jannusch vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln einen etablierten englischsprachigen Fragebogen für den deutschen Sprachraum adaptiert und weiterentwickelt. Junge Autofahrerinnen und Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren sind in Deutschland doppelt so häufig in Unfälle verwickelt wie ältere Verkehrsteilnehmer. Damit die Ursachen dieses Phänomens besser untersucht werden können, hat Tim Jannusch vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln einen etablierten englischsprachigen Fragebogen für den deutschen Sprachraum adaptiert und weiterentwickelt.

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Versicherungsspitzen – eine Serie am ivwKöln

Seit es den Newsletter (hier) gibt startet dieser mit den Versicherungsspitzen. Einem Prolog eines Mitglieds des ivwKöln. Diese, oft zeitgemäßen Texte, wollen wir hier im Blog als kleine Serie vorstellen und posten ab und zu den einen oder anderen Text aus der Vergangenheit mit Jahres- und Autorenangabe.

Den Anfang mach ein Text aus 2019 von Prof. Dr. Torsten Oletzky.

Viele Spaß

 

Ene Besuch im Zoo – von digitalen und anderen Ökosystemen

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Autonome Fahrzeuge in der Infektionsprävention

Tim Jannusch promoviert am Institut für Versicherungswesen der TH Köln und an der Universität Limerick. Gemeinsam mit seinen irischen Kolleginnen und Kollegen hat er Szenarien für technologische Lösungen für die Corona- und künftige Pandemien entwickelt.

das Interviwe mit Tim Jannusch finden Sie hier:

https://www.th-koeln.de/hochschule/autonome-fahrzeuge-in-der-infektionspraevention_75242.php

Revolutionieren Big Data und KI die Versicherungswirtschaft?

Die Frage, ob Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) die Versicherungswirtschaft revolutionieren, beschäftigt schon seit einiger Zeit unsere Gesellschaft sowie im Besonderen die Versicherungsbranche. Die Fortschritte in jüngster Vergangenheit in der KI und bei der Auswertung großer Datenmengen sowie die große mediale Aufmerksamkeit sind immens.

Somit waren Big Data und Künstliche Intelligenz auch vielversprechenden Themen für das 24. Kölner Versicherungssymposiums der TH Köln am 14. November 2019.

Das ivwKöln hatte zum fachlichen Austausch eingeladen, ein attraktives Vortragsprogramm zusammengestellt und Networking-Gelegenheiten für die Gäste aus Forschung und Praxis vorbereitet. Jetzt liegt ein Proceedings-Band vor, der umfasst die Vortragsinhalte der verschiedenen Referente beinhaltet.

Der Proceedings-Band ist in der Schriftenreihe „Forschung am ivwKöln“ erschienen und bereits die 7. Veröffentlichung innerhalb der Schriftenreihe im Jahr 2020, der kostenlosen Download ist hier zu finden.

Forscher fordern repräsentative Stichproben zur Verbreitung von Corona

Angesichts der überragenden gesellschaftlichen, gesundheitlichen und wirtschaflichen Bedeutung der Corona-Krise erscheint es schwer verständlich, warum bisher immer noch keine statistisch belastbaren Zahlen zur Verbreitung des Covid-19-Virus bzw. der entsprechenden Antikörper in der Bevölkerung vorliegen. Bisherige Studien basieren auf kleinen oder in hohem Maße verzerrten Stichproben, entsprechend divergieren bisherige Schätzungen massiv.

Daher hat eine Gruppe von empirischen Wirtschafts- und Sozialforschern, darunter Prof. Horst Müller-Peters von der TH Köln, in engem Austausch mit medizinischen Experten ein Konzept für eine bevölkerungsrepräsentative repräsentative Studie entwickelt. Eine solche Studie würde der Politik und Gesellschaft eine verlässliche Grundlage zur Einschätzung der Prävalenz geben, und damit auch zur Dunkelziffer, zum Anteil asymptomatischer Fälle und letztendlich auch zur Letalität durch das Virus.

Das Stichprobenkonzept wurden veröffentlicht unter https://www.marktforschung.de/aktuelles/marktforschung/stichproben-fuer-die-covid-19-forschung/

Die Wahrnehmung von Risiken in der Corona-Krise

„Pressemitteilung der TH Köln“

Befragung der TH Köln zu Sorgen und die Risikoeinschätzung der Bevölkerung in der Corona-Krise sowie das Einhalten der Beschränkungen und Verbote.

Infizierten-Fallzahlen, Verdopplungszeiten, Beträge staatlicher Rettungspakete: Die Corona-Krise konfrontiert die Bevölkerung mit Wahrscheinlichkeiten, exponentiellem Wachstum und großen Zahlen. Aber sind die Menschen überhaupt in der Lage, in solchen Zusammenhängen zu denken? Das hat Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln in einer annähernd bevölkerungsrepräsentativen Online-Befragung mit rund 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern untersucht. Zudem zielte die Studie auf die Sorgen und die Risikoeinschätzung der Bevölkerung in der Corona-Krise sowie das Einhalten der Beschränkungen und Verbote.

„Um die Corona-Krise und die Gegenmaßnahmen beurteilen und verstehen zu können, ist der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten, großen Zahlen und exponentiellen Trends erforderlich. Die Studie zeigt allerdings, dass sich dies weitgehend dem menschlichen Vorstellungsvermögen entzieht“, sagt Müller-Peters. So waren die Befragten aufgefordert, die Anzahl der Nutzer einer App zu schätzen, die in einem Beispiel zwei Jahre lang monatlich um 20 Prozent steigt. 39 Prozent der Befragten trauten sich gar keine Antwort zu. Die anderen unterschätzten den korrekten Wert. Je länger die Zeiträume des Beispiels und je höher die monatlichen Steigerungen, umso stärker wurden die Ergebnisse unterschätzt, bis sie keinen Bezug mehr zu den realen Entwicklungen hatten.

Eine ähnlich gestaltete Untersuchung von Müller-Peters aus dem Jahr 2016 zeigt zudem, dass die meisten Befragten auch mit der Einschätzung von Zahlen über einer Milliarde überfordert sind. „Es zeigt sich, dass die meisten Menschen die Dynamik exponentieller Entwicklungen dramatisch unterschätzen und auch den Umfang der aktuell diskutierten Wirtschaftshilfen kaum begreifen können. Die Politik und die Medien sind hier gefordert, solche Sachverhalte noch deutlicher anhand plastischer Beispiel zu erläutern und damit nachvollziehbar zu machen“, so Müller-Peters.

Sorgen und Risiken

Der Corona-Virus ist in den Köpfen der Bevölkerung zurzeit stark präsent. Sehr viele der Befragten machen sich Sorgen, dass sie sich mit dem Corona-Virus anstecken (über 60 Prozent), dass sie in eine wirtschaftliche Notlage geraten (rund 50 Prozent) und dass sie an einer Infektion sterben könnten (über 40 Prozent). „Andere Ängste geraten dabei aber nicht in den Hintergrund. So sind etwa die Sorgen vor einem Herzinfarkt oder einer Krebserkrankung im Vergleich zu 2016 nur sehr wenig gesunken“, sagt Müller-Peters.

Wenn es nicht nur um die Sorgen, sondern um die Einschätzung der konkreten, persönlichen Gefährdung geht, ändert sich die Reihenfolge nicht wesentlich. Als größtes Risiko wird weiterhin die Ansteckung mit dem Virus gesehen (über 50 Prozent). Ebenso wie Herzinfarkt und Krebs werden auch die Ansteckung und eine wirtschaftliche Notlage von jeweils über einem Drittel der Befragten als eine realistische Bedrohung angesehen. „Ausnahme ist der mögliche Tod durch den Corona-Virus. Dieser ist bei 40 Prozent der Befragten in den alltäglichen Ängsten präsent, aber nur 20 Prozent räumen dem eine mittlere bis hohe Wahrscheinlichkeit ein“, sagt Müller-Peters.

Regelkonformität

Die Corona-Pandemie ist mit starken Einschränkungen im Alltag verbunden. Über 60 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich voll und ganz an die Regeln halten, weitere 30 Prozent halten sich eher daran. Nur Fünf Prozent bekennen sich dazu, die Regeln eher oder gar nicht zu befolgen.

„Die Frage, wer am ehesten gegen die Regeln verstößt, lässt sich anhand soziodemographischer Daten nicht eindeutig beantworten. Zwar steigt der Anteil derer, die die Regeln ‚voll und ganz befolgen‘, ab circa 45 Jahren leicht an, insgesamt zeigen sich aber alle Altersgruppen weitgehend regelkonform. Noch geringer sind die Unterschiede nach Einkommen, Bildung oder Bundesland. Am ehesten findet sich noch eine Abweichung nach Geschlecht, da Männer die Regeln etwas ‚lockerer‘ auslegen“, so Müller-Peters.

Studiendesign

Für die Studie wurden mit dem Online-Panel von YouGov Deutschland zwischen dem 31. März und dem 2. April 2020 insgesamt 2.028 Menschen über 18 Jahre befragt, die in Deutschland leben. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind annähernd bevölkerungsrepräsentativ.

„Change Management Circle“ der Forschungsstelle Versicherungsmarkt fand erneut statt

Der jährliche „Change Management Circle“ der Forschungsstelle Versicherungsmarkt fand am 02.03.2020 in den Räumlichkeiten der Gothaer erneut unter der Initiative und Führung von Frau Prof. Dr. Gabriele Zimmermann statt. Wie in der Vergangenheit kamen in diesem Rahmen Management-Experten diverser Versicherungsunternehmen zusammen, um sich über aktuelle Veränderungsthematiken in der Versicherungsbranche auszutauschen. Auch dieses Jahr stand dabei das Thema der Umsetzung von Agilität in verschiedenen Bereichen im Vordergrund der Vorträge und Diskussionen.

Als Gastgeber startete die Gothaer mit einem Vortrag, wie dort in Form von Piloten agiles Arbeiten in verschiedenen Sparten umgesetzt werden soll. Höhepunkt war die Besichtigung der Räumlichkeiten, in denen die agilen Teams arbeiten.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause folgte ein interessanter Einblick von Herrn Dr. Nolte in das Change Management der Roland Rechtsschutzversicherung. Wie auch bei der Gothaer, ist die Umsetzung der Agilitätsoffensive beim Vorstandsvorsitzenden aufgehängt, was die Bedeutung dieses Themas in den beiden Häusern zeigt. Die Roland Versicherung setzt dabei auf vielfältige kreative Formate, die dazu beitragen sollen, dass u.a. die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit und Innovation gefördert werden.

Eine weitere Maßnahme zur Umsetzung von Agilität in Versicherungsunternehmen sind Maßnahmen die unter den Begriff „New way of work“ fallen“. Dazu konnte die Zurich Versicherung erläutern, welche Maßnahmen es zum einen in den neuen Gebäuden in diesem Zusammenhang gibt. Noch interessanter war zu erfahren, wie die neuen Arbeitswelten von der Belegschaft angenommen werden.

Allgemein herrschte ein reger Informationsaustausch zwischen allen Anwesenden. Insgesamt war der Change Circle eine erfolgreiche Veranstaltung und bot den Teilnehmern/innen erneut  die Möglichkeit, sich in kollegialer Atmosphäre über die Erfahrungen bei der Umsetzung von Agilität auszutauschen.

Big Data: Chancen und Risiken aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger

Wie stehen die Deutschen zu Big Data, künstlicher Intelligenz und digitaler Vernetzung? Sie fordern mehr Datenschutz und fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt – kümmern sich aber privat nur wenig um ihre Datensicherheit. Zugleich fürchten sie Big Data, die große Menge an Daten, die durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche existieren und deren Verarbeitung – sind aber gerne bereit, die aus der Vernetzung resultierenden Vorteile in ihr Leben zu lassen. Dieses doppelte Paradoxon ist das Ergebnis einer Studie mit 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Prof. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln mit Unterstützung des Goslar Instituts, Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern e. V.

Datenschutz ist für die Deutschen quer durch alle Altersschichten ein relevantes Thema. Nur fünf Prozent der in der Studie Befragten nehmen den Datenschutz persönlich nicht wichtig. Und nur rund 16 Prozent interessiert es nicht, was mit ihren Daten geschieht. Zudem fühlt sich die Mehrheit von großen Internetkonzernen abhängig (56 Prozent), kann auf viele Dienste nicht verzichten (41 Prozent) und bezweifelt, dass sich Konzerne an die Datenschutzbestimmungen halten (52 Prozent).

„Die Bedeutung des Datenschutzes und das Gefühl, in der Freiheit beschränkt zu sein, stehen im deutlichen Gegensatz zum Verhalten vieler Befragter. Denn die Mehrheit von ihnen verwendet in großem Umfang Geräte oder Anbieter, die über die gesammelten Daten umfangreichen Einblick in das Privatleben erhalten“, sagt Müller-Peters. So nutzt ein Großteil der Befragten diverse mit dem Internet verbundene Geräte wie Computer, Smartphones, Tablets und internetfähige Fernseher. Fitnessarmbänder, Homeboxes (wie Alexa) und Smartwatches erweitern die Vernetzung. Im Schnitt setzen die Befragten 3,6 der aufgeführten Geräte ein.

Ebenfalls weit verbreitet ist die Nutzung von Online-Diensten wie Google (93 Prozent der Befragten), WhatsApp (82 Prozent), YouTube (79 Prozent) und Facebook (55 Prozent). Die große Mehrheit verfügt zudem über einen eigenen Account bei Amazon, Google und eBay. Ein Drittel der Befragten schätzt, bei über 20 Internet-Diensten persönliche Daten hinterlegt zu haben.

Datenschutz-pragmatische Nutzer dominieren

„Auch wenn die Dienste und Geräte umfassend verwendet werden, hat der Einzelne zahlreiche Handlungsoptionen zur eigenen Datensicherheit. Doch diese werden nur von einer Minderheit umfassend eingesetzt“, erläutert Müller-Peters. So können nur acht Prozent der Befragten als „aktive Datenschützer“ bezeichnet werden. 22 Prozent sind Datenschutz-Phlegmatiker und gebrauchen nur sehr wenige geeignete Maßnahmen.
„Der größte Teil der Bevölkerung nutzt die Schutzmaßnahmen, die nicht zu viel Aufwand bedeuten, verhält sich also pragmatisch oder wenn man es negativ formulieren will: leicht fahrlässig“, so Müller-Peters.

Einstellung zu Big Data

Die Deutschen sind eher pessimistisch im Hinblick auf die Folgen vernetzter Technologien. So glauben 80 Prozent der Befragten, dass der Schutz der Privatsphäre dadurch immer schwieriger wird und 78 Prozent, dass neue Gefahren – etwa durch Datenmissbrauch – drohen. In der Summe überwiegen für 42 Prozent der Befragten die Risiken, während nur 22 Prozent primär die Chancen sehen. „Je mehr Wissen die Interviewten über die betreffenden Technologien hatten, umso eher wurden Chancen in Big Data wahrgenommen. Dies gilt aber nicht für alle Bereiche. Zum Beispiel glaubten die Befragten bei zunehmendem Wissen immer weniger daran, dass die Verarbeitung großer Datenmengen die Welt durch Meinungsvielfalt demokratischer machen wird“, erläutert Müller-Peters.

Die eher negative Einstellung gegenüber Big Data ändert sich, wenn nach konkreten Anwendungsfeldern gefragt wird,

  • die die Sicherheit erhöhen (53 Prozent Zustimmung zur Überwachung der Wohnung gegen Einbrecher, aber nur 15 Prozent Ablehnung),
  • der Gesundheit dienen (62 Prozent Zustimmung und nur elf Prozent Ablehnung zur Überwachung von Herzschlag und Blutdruck zur Herzinfarkt-Prognose),
  • lästige Arbeiten übernehmen (42 Prozent Zustimmung für eine automatische Regelung der Heizung gegenüber 26 Prozent Ablehnung)
  • oder im Auto assistieren (72 Prozent Zustimmung versus sieben Prozent Ablehnung zur verkehrsabhängigen Navigation).

„Die grundlegende Skepsis gegenüber Big Data kippt, wenn konkrete, nutzenstiftende Anwendungen genannt werden. Viele davon erfordern eine weitgehende Überwachung des Einzelnen, was aber keinen Einfluss auf die Haltung zu haben scheint. Alleine der empfundene Nutzen, kaum aber die Sorge um die Privatsphäre, entscheiden über Befürwortung oder Ablehnung konkreter Einsatzfelder“, so Müller-Peters.

Studiendesign

Für die Studie wurden 1.000 Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter über 18 Jahren durchgeführt. Davon 500 in einer bevölkerungsrepräsentativen Zufallsstichprobe per Telefoninterview und 500 in einer bevölkerungsrepräsentativ quotierten Stichprobe per Online-Befragung.

Die Studie ist Teil der Publikation „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger? Zum Nutzen und Schutz von Daten des souveränen Bürgers in seinen Lebenswelten“, herausgegeben von Prof. Dr. Susanne Knorre von der Hochschule Osnabrück, Prof. Dr. Fred Wagner von der Universität Leipzig und Prof. Horst Müller-Peters von der TH Köln. Sie ist entstanden mit Unterstützung des Goslar Instituts, Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern e. V., eine Initiative der HUK-Coburg und wird in Kürze im Springer-Verlag publiziert.

Die Pressemitteilung vom 14. März 2019 als PDF lesen.