Eingriff von EIOPA in den Rückversicherungsmarkt?

Eine aktuelle Initiative der EIOPA könnte sich nachteilig auf den europäischen Rückversicherungsmarkt auswirken. Darauf wies Prof. Stefan Materne, Inhaber des Rückversicherungslehrstuhls an der TH Köln und Mitglied des EIOPA-Beirates, kürzlich in einem Webinar hin. Die Initiative der EIOPA zur Evaluierung von Risk Mitigation Techniques könne über die Einführung von zusätzlichen RV-Regulierungsmaßnahmen – bewusst oder unbewusst – bewirken, dass auch etablierte und bislang akzeptierte Rückversicherungsstrukturen in ihrem Effekt unter Solvency II reduziert oder sogar eliminiert werden, sagte Materne. Das habe entsprechende Konsequenzen für Zedenten, Rückversicherer und Dienstleister im Rückversicherungsmarkt.

Den ganze Artikel zu der Veranstaltung erschienen in der Zeitschrift für Versicherunsgwesen hier

Promovierendensprecher*innen der TH Köln – beide vom ivwKöln – Glückwunsch!

Zum elften Mal bot der Nachmittag der Promotionen den Promovierenden an der TH Köln am 3. November 2020 eine Gelegenheit, sich untereinander kennen zu lernen und zu vernetzen. Im Rahmen der virtuellen Veranstaltung, an der 25 Promovierende teilnahmen, kamen die Teilnehmer*innen mit der Hochschulleitung ins Gespräch und wählten neue Doktorand*innenvertreter*innen.

Wir gratulieren unserer neuen Kollegin Juliane Ressel, zur Wahl als Sprecherin der Promovierenden der TH Köln. Ebenso freuen wir uns, dass Tim Jannusch, ebefalls vom ivwKöln, Sie in Ihrem Amt vertritt. Herzlichen Glückwunsch Euch beiden und weiterhin viel Erfolg für Eure Promotionen.

Ein Artikel über den 11.Nachmittag der Promotion an der TH Köln findet sich hier.

Lassen sich Elektroautos deutlich günstiger versichern?

„Die häufig batterieschonende Fahrweise korreliert in hohem Maße mit einem sicheren Fahrstil“ – mit dieser und andern Ausworten geht der Leiter der Forschungsstelle Versicherungsmarkt, Prof. Dr. Horst Müller-Peters auf die Ihm von Spiegel-Online gestellten Frage nach der günstigeren Versicherbarkeit von Elektroautos im Vergleich zu Verbrenner ein. Das gesamte Interview hier.

 

Serie Versicherungsspitzen: „Reichspogromnacht“ und die Versicherungswirtschaft

Anlässlich des kurz zurückliegenden 75. Jahrestags der sogenannten „Reichspogromnacht“ stellt sich die Frage, wie die Versicherer diesen Schaden „versicherungstechnisch abwickelten“? (In den kommenden Tagen jährt sich dieses Ereigniss zum 82-zigsten Male- Anmerkung der Redaktion)

Nach den damaligen Schätzungen der Feuer-, Einbruchdiebstahl- und Glasversicherer betrugen die grundsätzlich versicherten Sachschäden rund 45 Millionen Reichsmark (RM). Es entfielen 15 Millionen RM auf die öffentlich-rechtlichen Versicherer, 29 Millionen RM auf die privaten Versicherer, davon wiederum betrafen 25,7 Millionen RM inländische Juden, 1,8 Millionen RM ausländische Juden und 1,4 Millionen RM Nichtjuden.

Entsprechend der nationalsozialistischen Sprachregelung sollte es sich bei diesem vom Staat initiierten Programm um eine „Empörung des Volkes“ handeln. Dies führte bei den Sachversicherern zur Frage, ob die Schäden denn überhaupt versichert seien und ob nicht der in allen Sachversicherungsbedingungen vereinbarte Ausschluss für „innere Unruhen“ eingreife? Dies wiederum fiel nicht auf das Wohlwollen der Parteiführung. In einer berühmt-berüchtigten Sitzung im Reichsluftfahrtministerium am 12. November 1938 unter der Führung von Herman Göring einigte man sich mit Vertretern der Versicherungswirtschaft auf einen „Deal“: Die Schäden bei ausländischen Juden und Nichtjuden wurden „im Kulanzwege“ in voller Höhe reguliert. Alle Schäden an Gütern bei inländischen Juden wurden mit einer „Pauschalzahlung“ in Höhe von (nur) 1,5 Millionen RM abgegolten.

Im Reichsgesetzblatt werden die Versicherungsleistungen an verschiedenen Stellen erwähnt. Von Bedeutung bezüglich der „Reichsprogromnacht“ ist dabei Folgendes: Zunächst erging am 12. November 1938 die „Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben“ (vergleiche dort § 2 Abs. 2, wo es heißt: „Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit werden zugunsten des Reichs beschlagnahmt.“ Den Juden, an Dreistigkeit ist dies kaum zu überbieten, wurde eine „Sühneleistung“ in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt, vergleiche § 1 der „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“ vom 12. November 1938. In der „Durchführungsverordnung über die Sühneleistung der Juden“ vom 21. November 1938 heißt es schließlich in § 7, dass die Zahlungen aus Versicherungsansprüchen an das zuständige Finanzamt abzuführen sind.

Dirk-Carsten Günther

Kölner Versicherungsspitzen 18 – 12/2013

Mathilde-von-Mevissen Programm – Sechs Promovendinnen erhalten Förderbescheide – eine vom ivwKöln

Am 8. Oktober 2020 wurden sechs Promovendinnen der TH Köln und ihren Betreuerinnen und Betreuern in einem feierlichen Rahmen die Urkunden für die Förderung exzellenter Nachwuchswissenschaftlerinnen im Mathilde-von-Mevissen Programm vom Präsidium der Hochschule überreicht.

Prof. Dr. Stefan Herzig, Präsident der TH Köln, erläuterte in seiner Begrüßung, dass durch das Mathilde-von-Mevissen Programm Nachwuchswissenschaftlerinnen befähigt werden, sich bestmöglich auf hohem Niveau zu qualifizieren.

Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Becker berichtete von der Arbeit der Auswahlkommission für das Förderprogramm und betonte die sehr hohe Qualität der eingegangenen Anträge. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Petra Liedtke erläuterte, dass die Hochschule durch die Förderung der exzellenten Nachwuchswissenschaftlerinnen auf einem sehr guten Weg sei, dem Phänomen der sogenannten ‚leaky pipeline‘, des abnehmenden Anteiles an Frauen auf jeder Stufe der Karriereleiter, an der Hochschule zu begegnen.

Nach der Begrüßung erhielten die Promovendinnen die Gelegenheit, ihre Promotionsvorhaben kurz vorzustellen. Daran anschließend überreichte Prof. Dr. Herzig die Förderurkunden an die Promovendinnen, verbunden mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Durchführung des Promotionsvorhabens.

Mit der Förderung von Promovendinnenstellen im Rahmen des Mathilde-von-Mevissen Programms soll der Anteil von Promovendinnen an der TH Köln erhöht werden. Das Förderprogramm wurde Anfang des Jahres 2020 hochschulintern ausgeschrieben und wird für den Zeitraum 2020-2025 über das Professorinnenprogramm III des Bundes und der Länder finanziert. Im Geiste der Kölnerin Mathilde von Mevissen, einer der bedeutendsten Frauenrechtlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, besteht das Ziel darin, mehr Frauen für die Wissenschaft – insbesondere in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – zu begeistern und damit die Beteiligung von Frauen im Wissenschaftssystem zu erhöhen. Bereits im Zeitraum von 2015 bis 2020 konnten acht Promovendinnen über das Mathilde-von-Mevissen Programm an der TH Köln gefördert werden, die nun größtenteils kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion stehen.

Wir freuen uns sehr, dass unsere Masterabsolventin Juliane Ressel Teil dieses Programmen ist und mit Ihrer Betreuerin Prof. Dr. Michaele Völler bei der Begrüßung anwesend war. Viel Erfolg.

Fotoaufnahmen für Pressezwecke während der feierlichen Übergabe der Förderbescheide im Rahmen des Mathilde-von-Mevissen-Programms in der Rotunde, Campus Südstadt, am 08.10.2020
* Mit dem Ankauf gehen die Bilder in das Eigentum der TH Köln über. Alle Rechte der Verwendung und Nutzung in Publikationen (Online und Print) und Werbematerialien liegen bei der TH Köln. Die Eigentumsrechte schließen eine Weitergabe an Dritte ein. Als Copyright wird, soweit Layoutvorgaben dies zulassen, „Heike Fischer /TH Köln“ genannt.

 

Prof. Dr. Michaele Völler, wie erleben Sie die digitale Lehre?

Die TH Köln fragt bei unsere Kollegin Michi Völler nach – die Antworten lesen Sie auch hier. Der orginale Interview ist online bei der TH Köln im Oktober 2020 erschienen.

Vier Fragen an Prof. Dr. Michaele Völler

Prof. Dr. Michaele Völler ist Studiengangsleiterin des Master Risk and Insurance und experimentiert bei der Umstellung ihrer Lehre mit verschiedenen Formaten: von interaktiven Sessions per Webkonferenzen über angeleitetes Selbststudium auf Basis ausgewählter, vorgegebener Materialien oder Projektarbeiten mit Coaching in Webkonferenzen bis hin zu Screen- und Podcasts. Ihr Motto: „Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“

Was funktioniert virtuell genauso gut wie in der Präsenzveranstaltung?
Alle Lehrformate, die auch in der Präsenz viel Eigenaktivität der Studierenden verlangen, funktionieren nach meiner Erfahrung sehr gut. Problembasiertes Lernen, projektorganisiertes Lernen, forschendes Lernen, all das kann ich recht leicht in die digitale Welt übertragen. Selbst unsere Echtprojekte mit Auftraggebern aus der Versicherungswirtschaft laufen sehr gut.

Was kann die virtuelle Version nicht ersetzen?
Schwierig wird es bei Großveranstaltungen, bei denen die Studierenden stärker eine Konsumhaltung einnehmen können. Die Lernziele sind dort schwieriger zu erreichen. Die Aktivierung der Studierenden in der Großgruppe erscheint mir ohne Präsenz sehr herausfordernd, so dass ich gerade hier an Tricks und Instrumenten arbeite.

Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?
In der Didaktik heißt es so schön, dass man den „Beziehungsteppich“ zwischen dem Lehrenden und den Lernenden ausbreiten soll, um das Lernen zu fördern. Darum bemühe ich mich immer. Ich habe sehr viel Leidenschaft für meine Studierenden, lerne beispielsweise ihre Namen auch in Großgruppen und freue mich auch über die Zufallskontakte und Begegnungen auf dem Flur und in der Mensa. Das fällt nun weg, so dass die Beziehung zu den Kursen eine andere Qualität hat. Besonders stark ist der Unterschied für mich bei den Kursen, deren Kursmitglieder ich erst im Sommersemester 2020 kennengelernt habe. Ich fühle mich viel entfernter von den Studierenden und isolierter als sonst.

Werden Sie bei der Umstellung auf den Präsenzlehrbetrieb ein digitales Format beibehalten?
Garantiert. Aber es ist zu früh, um zu sagen, was ich übernehmen werde. Im Moment experimentiere ich noch und mache viele positive und ermutigende Erfahrungen. Auch die Resonanz der Studierenden ist sehr positiv. Es wird gelobt statt gemeckert. Toll!

Neuer Fragebogen zum Fahrverhalten junger Verkehrsteilnehmer

Junge Autofahrerinnen und Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren sind in Deutschland doppelt so häufig in Unfälle verwickelt wie ältere Verkehrsteilnehmer. Damit die Ursachen dieses Phänomens besser untersucht werden können, hat Tim Jannusch vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln einen etablierten englischsprachigen Fragebogen für den deutschen Sprachraum adaptiert und weiterentwickelt. Junge Autofahrerinnen und Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren sind in Deutschland doppelt so häufig in Unfälle verwickelt wie ältere Verkehrsteilnehmer. Damit die Ursachen dieses Phänomens besser untersucht werden können, hat Tim Jannusch vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln einen etablierten englischsprachigen Fragebogen für den deutschen Sprachraum adaptiert und weiterentwickelt.

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Versicherungsspitzen – eine Serie am ivwKöln

Seit es den Newsletter (hier) gibt startet dieser mit den Versicherungsspitzen. Einem Prolog eines Mitglieds des ivwKöln. Diese, oft zeitgemäßen Texte, wollen wir hier im Blog als kleine Serie vorstellen und posten ab und zu den einen oder anderen Text aus der Vergangenheit mit Jahres- und Autorenangabe.

Den Anfang mach ein Text aus 2019 von Prof. Dr. Torsten Oletzky.

Viele Spaß

 

Ene Besuch im Zoo – von digitalen und anderen Ökosystemen

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Autonome Fahrzeuge in der Infektionsprävention

Tim Jannusch promoviert am Institut für Versicherungswesen der TH Köln und an der Universität Limerick. Gemeinsam mit seinen irischen Kolleginnen und Kollegen hat er Szenarien für technologische Lösungen für die Corona- und künftige Pandemien entwickelt.

das Interviwe mit Tim Jannusch finden Sie hier:

https://www.th-koeln.de/hochschule/autonome-fahrzeuge-in-der-infektionspraevention_75242.php

Kölner Versicherungsspitzen XXXI Von toten Truthähnen und höchst lebendigen Schwänen

Der Psychologe Gerd Gigerenzer beschreibt in seinem lesenswerten Buch „Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ anhand der sogenannte Truthahnillusion, wie riskant es sein kann, sich an vorhandenen Zuständen oder bestehenden Trends zu orientieren. Der Truthahn, der seinen Züchter bisher nur in Zusammenhang mit der täglichen Fütterung kennt, fühlt sich jeden Tag sicherer, dass der Züchter auch am Folgetag wieder Gutes für ihn bringt. Allerdings kennt der Truthahn den Thanksgiving-Tag noch nicht …
Der Truthahn hat die Gültigkeit seiner erlernten Regel überschätzt und daraus eine falsche Vorhersage für die Zukunft getroffen. Ebenso geht es den meisten von uns – auch wir Menschen neigen dazu, das Ausmaß zu überschätzen, in dem wir die Vergangenheit verstehen („Illusion des Verstehens“) und auf Basis dieses Wissens die Zukunft vorhersagen können („Illusion der Gültigkeit“).

Unter Kenntnis der richtigen Rahmenbedingungen hätte der Truthahn sein Prognosemodell durchaus anpassen können und sein Schicksal korrekt vorhersagen können. Während der Truthahn davon aber wohl kaum profitiert hätte, sondern sein kurzes Leben höchstens noch mit Depressionen belastet hätte, überleben wir die meisten unserer Fehleinschätzungen und können daraus lernen – zumindest theoretisch – indem wir die Rahmenbedingungen unseres Modells erweitern und auch mögliche extreme Änderungen der zugrundeliegenden Parameter einbeziehen.
Im positivsten Fall mündet dieses Lernen in Instrumenten, die unterschiedlichste Parameter und Szenarien berücksichtigen. „Stresstests“ sollen auf Basis historischer Erfahrungen oder hypothetisch erwarteter Ereignisse die Stabi-lität und Widerstandsfähigkeit von Unterneh-men oder Institutionen abschätzen und diese so auszurichten, dass sie solche Szenarien mit bestimmten (hohen) Wahrscheinlichkeit überstehen können. Die Stressszenarien der EIOPA beispielsweise berücksichtigen die Entwicklung von Zinsen und Börsenkursen, von demographischen Faktoren sowie von Naturkatastrophen, und decken damit einen wesentlichen Teil möglicher Risiken ab.

Die aktuelle Corona-Krise zeigt einerseits die Bedeutung solcher Risikostrategien, anderer-seits aber auch deren Grenzen, weil sie immer noch auf Ereignisse mit einer gewissen Wahr-scheinlichkeit oder zumindest Erwartbarkeit abzielen. Der Börsenhändler Nassim Taleb (auf den sich auch Gigerenzer mit seiner Truthahnillusion bezieht) hat in seinem bekannten Werk „Der Schwarze Schwan“ auf die oft extremen Konsequenzen von unerwarteten Ereignissen hingewiesen. Die „schwarzen Schwäne“, die schon bei Popper als Beispiel der Falsifizierung induktiver Verallgemeinerungen herangezogen werden, dienen als Metapher für solch überraschende Ereignisse, die im Einzelnen zwar nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit aufweisen, in der Summe dann aber doch häufig unser Leben auf den Kopf stellen.
Nun lässt sich im Einzelfall – aktuell zu Corona – trefflich darüber streiten, ob es sich um einen schwarzen Schwan handelt, oder ob das Ereignis nicht doch vorhersehbar war oder sogar vorhergesehen wurde. Bei einzelnen Akteuren – darunter bekannterweise Bill Gates – war das sicherlich der Fall, und auch manche Risikomodelle beziehen explizit Pandemien mit ein. Aber Hand aufs Herz: Die meisten von uns gehörten wohl nicht dazu und hätten sich weder privat noch beruflich träumen lassen,wie ihr Leben sich in kürzester Zeit durch eine Pandemie ändern würde. Und diejenigen, die meinen, vorausschauender gewesen zu sein, mögen sich fragen, ob sie nicht eher Opfer einer in der Psychologie als Rückschaufehler bezeichneten Verzerrungstendenz sind, nach der man seine eigene Voraussicht im Nachhinein überschätzt.
Selbst in der historisch gesehen kurzen Zeit-spanne meines „Erwachsenseins“ gab es bereits eine ganze Reihe solcher – zumindest subjektiv gesehen höchst überraschend eintretender – „Schwarzer Schwäne“, wie zum Beispiel das Aufkommen von Aids Anfang der achtziger Jahre, Tschernobyl, der Zusammenbruch des Ostblocks, der große Tsunami von 2004 (Sie erinnern sich: das Wort mussten wir damals erst einmal im Lexikon nachschlagen), 9/11 oder nun eben die aktuelle Corona-Pandemie. Dazu kommen eine ganze Reihe von meist ebenso überraschenden Wirtschafts- und Finanzkrisen. Alle diese Ereignisse haben die Welt zumindest kurzfristig, manche aber auch dauerhaft verändert.
Wenn wir ein solches Ereignis nun in unsere zukünftigen Szenarien mit aufnehmen, dann werden diese zwar ein Stückchen weit besser, sind danach aber immer noch fast genauso unvollständig, weil ja nur jeweils ein einzelner Schwarzer Schwan eliminiert wurde. Was ist zum Beispiel mit einem großen Kometeneinschlag, wie er zumindest alle paar hunderttau-send Jahre zu erwarten ist, einem verheeren-den Vulkanausbruch wie einst in der Antike auf Santorini, eines dank hoher Ansteckungsquote und hoher Sterblichkeit noch weitaus ge-fährlicheren Virus als SARS-CoV-2, oder auch einfach dem Ende der Demokratie dank Trump & Co.? Vielleicht fallen Ihnen ja auch einige positive Ereignisse ein, die eine ebensolche Durchschlagkraft entfalten (die Pille gegen das Altern, die Rückkehr des Messias …)?
Die Lehren daraus sind: Unsere Prognosen machen Sinn, decken aber immer nur einen Ausschnitt der möglichen Entwicklungen ab. Szenariodenken und Stresstests können helfen, bleiben aber ebenso unvollständig. Vielleicht hilft das Erleben schwarzer Schwäne uns aber, etwas weniger Vertrauen in unsere Zukunftserwartungen zu haben, und uns stattdessen mehr mit der Ungewissheit zu arrangieren.

In diesem Sinne zeigt sich übrigens der typische Kölner dem Truthahn und den meisten seiner Mitmenschen hoch überlegen. Verzichtet er doch traditionell auf Prognosen („et kütt wie et kütt“), und bleibt dennoch zuversichtlich („et hätt noch emmer joot jejange“). Und wenn das nichts nutzt, verfügt er über hochwirksame psychische Bewältigungsstrategien wie „et bliev nix wie et wor“, „wat fott es, es fott“ und „wat wells de maache“?
Wie recht er damit hat, zeigt eine etwas längerfristige Prognose der Astrophysik, wonach sich in etwa einer Milliarde Jahre die Sonne vergrößert und die Erde unbewohnbar macht. Wenn Elon Musk uns bis dahin nicht mit seinem Unternehmen SpaceX in ein anderes Sonnensystem verfrachtet hat, werden wir also spätestens dann unser kollektives „Thanksgiving“ erleben. Solange fließt aber noch eine Menge Wasser den Rhein runter – bleiben Sie also gesund und lassen Sie sich nicht von Schwarzen Schwänen entmutigen!

Ihr Horst Müller-Peters

PS: Die Truthahnillusion lässt sich am Ende übrigens auch auf unsere Hochschule und unser Institut übertragen. Ich persönlich hätte jedenfalls niemals geglaubt, dass sich die digitale Lehre in so kurzer Zeit so dramatisch fortentwickeln könnte – eine Entwicklung, die sich sicherlich auch auf die Zeit „nach Corona“ auswirken wird.