Verbraucherschutz und -politik

Verbraucherschutz_orangeDas Ziel der Versicherungspsychologie ist es, das Erleben und Verhalten von sämtlichen Individuen und Kollektiven im Versicherungsmarkt zu beschreiben, verstehen und vorherzusagen. Außerdem soll dieses Wissen dazu führen, in Zukunft bessere Urteile und Entscheidungen zu treffen. Davon profitieren insbesondere

  • Anbieter
  • Nachfrager
  • Marktregulierende Instanz

Um dieses Ziel aus der Perspektive der Nachfrager bzw. Verbraucher zu erreichen, müssen zwei wichtige Themen besonders berücksichtigt werden.

  • Verbraucherschutz
  • Verbraucherpolitik

Diese beiden Begrifflichkeiten werden im Folgenden detaillierter erläutert.

Verbraucherschutz und -politik im Überblick

Für den Staat besteht zum Zwecke des Schutzes von Verbrauchern die Möglichkeit, Verbraucherentscheidungen subtil zu beeinflussen, ohne die Freiheit jener einzuschränken. Diese Idee verfolgt der so genannte libertäre Paternalismus (nach Thaler/Sunstein), welcher als besondere Erscheinungsform der Verbraucherpolitik vorgestellt wird.

Die Verbraucherpolitik umfasst sämtliche operative Maßnahmen durch den Staat und Verbände, die in der Summe dazu führen sollen, die Idee des Verbraucherschutzes in die Praxis umzusetzen und Konsumentenfreiheit und -souveränität zu erreichen. Diese Maßnahmen schützen die Verbraucher vor der Ausnutzung der Marktmacht der Anbieter.

Der Verbraucherschutz ist das grundsätzliche Konzept, die Verbraucherinteressen zu stärken. Die Verbraucherpolitik definiert eine Bedeutungsebene tiefer konkrete Maßnahmen durch den Staat und Verbände, die zur Erreichung dieses grundsätzlichen Konzepts notwendig sind (vgl. Müller-Peters, 2015 ,Themenüberblick Verbraucherschutz).

Verbraucherschutz in der Versicherungsbranche

In der Versicherungsbranche ist der „Bund der Versicherten e. V.“ (BdV) eine gemeinnützige Verbraucherschutzorganisation, die für die Rechte von Verbrauchern im Versicherungswesen einsteht. Der Vorstandsvorsitzende des BdV, Herr Axel Kleinlein, hat in einem Fachvortrag an der Fachhochschule Köln auszugsweise einige Themen der Verbraucherschützer des BdV als auch Themen der Branche vorgestellt:

Themen der Verbraucherschützer:

  • Abschlusskosten/ Zillmerung
  • Transparenz der Bedingungen
  • Beteiligungen an den Überschüssen (LV)
  • Beitragsanpassungen (PKV)
  • Schadensregulierung
  • Honorarberatung vs. Provisionsberatung

Themen der Branche:

  • Kürzungen der Leistungen wegen Kapitalmarkt
  • Neuartige unverständliche Produkte (LV)
  • Abschlussverweigerung z.B. bei Elementarschaden
  • Intransparente Produktinformationen (RIY)

Verbraucherpolitik: Das Konzept des libertären Paternalismus

Durch das Konzept des libertären Paternalismus  (nach Thaler/Sunstein) besteht für den Staat die Möglichkeit auf subtile Art und Weise in Verbraucherentscheidungen einzugreifen und diese zu lenken. Der Staat verfolgt hiermit das Ziel, die Verbraucher zu schützen.

Die Grundannahme ist dabei, dass der Mensch nicht vollkommen rational, sondern teilweise irrational und fehlerhaft handelt. Als eines von vielen Beispielen sei genannt, dass Menschen nicht ausschließlich nach der Maximierung ihres Nutzens streben, sondern sich größtenteils schon mit ausreichenden Ergebnissen zufrieden geben.

Vor diesem Hintergrund kann eine bestimmte Entscheidungsarchitektur bewusst die Entscheidungen von Menschen beeinflussen. Schon kleinste Details haben dabei eine große Auswirkung. Prinzipiell bleibt der Mensch frei sich zu entscheiden, aber bekommt einen kleinen Schubs, einen „Nudge“, um sich in eine gewisse, vom Entscheidungsarchitekten (Politik/ Verbände) bevorzugte Richtung zu entscheiden. Somit wird sein Entscheidungsprozess vereinfacht.

Der Begriff „Nudge“ steht dabei stellvertretend für alle Maßnahmen, mit denen das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändert werden kann, ohne diesen prinzipiell ihre Freiheit zu nehmen. Allerdings sind sie nur dann einzusetzen, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfolg versprechen.

Ein Beispiel für eine „Nudge“ aus dem Alltag: Die erste Position eines Stimmzettels wird unter der Voraussetzung, dass alle Kandidaten unbekannt sind, häufiger angekreuzt als alle nachfolgenden.

In der Praxis wird der Ansatz des libertären Paternalismus durchaus skeptisch beurteilt. Mitunter wird ihm eine inakzeptable Bevormundung oder gar eine Manipulation der Verbraucher vorgeworfen. Gegenargumente lauten, dass der freiheitliche Charakter stets berücksichtigt wird und den Verbrauchern weiterhin offen steht, sich nach Ihren persönlichen Präferenzen zu entscheiden

Weiterführende Literatur und Quellen:

Zum Thema Verbraucherschutz/Verbraucherpolitik

  • Alexander, Christian: Verbraucherschutzrecht – Studium und Praxis, 1. Auflage, München: Beck, 2015.
  • Balodis, Holger; Hühne, Dagmar: Privatrenten und Lebensversicherungen – so profitieren Sie richtig!, 1. Auflage, Düsseldorf: Verbraucherzentrale, 2010.
  • Bretzinger, Otto N.: Meine Rechte als Verbraucher, 1. Auflage, München: Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, 2011.
  • Dambacher, Jens: Produktinformation und Rating in der Lebensversicherung vor dem Hintergrund des Leitbildes des mündigen Verbrauchers, 1. Auflage, Hamburg: Kovac, 2014.
  • Dierks, Christian: Bürgerzentriertes Gesundheitswesen, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos, 2011.
  • Europäische Kommission, Generaldirektion Kommunikation, Veröffentlichungen: Verbraucher – Blickpunkt Verbraucher, 1. Auflage, Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2013.
  • Fenyves, Attila; Koban, Klaus G.; Riedlsperger, Gunther: Versicherungsmakler & Kundenschutz, 1. Auflage, Wien: LexisNexis, 2009.
  • Görner, Angela: Die Bedeutung des Schutzes des Anlegers und des Versicherungsnehmers für die Aufsicht über Hedgefonds – Zugleich ein Beitrag zur Frage der verfassungsrechtlichen Verortung des Schutzes des Anlegers und des Versicherungsnehmers, 1. Auflage, Hamburg: Kovac, 2013.
  • Grunewald, Barbara; Pfeifer, Karl-Nikolaus: Verbraucherschutz im Zivilrecht, 1. Auflage, Berlin Heidelberg: Springer Verlag, 2010.
  • Janning, Frank: Die Spätgeburt eines Politikfeldes – die Institutionalisierung der Verbraucherschutzpolitik in Deutschland und im internationalen Vergleich, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos, 2011.
  • Lamla, Jörn: Verbraucherdemokratie: politische Soziologie der Konsumgesellschaft, 1. Auflage, Berlin: Suhrkamp, 2013.
  • Liedy, Benjamin: Kündigungsschutz im Versicherungsvertrag – zur Notwendigkeit eines erhöhten Bestandsschutzes zur Sicherung des Marktzugangs der VersicherungsnehmerInnen, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos, 2012.
  • Mitropoulos, Stefan: Verbraucherpolitik in der Marktwirtschaft – Konzeptionen und internationale Erfahrungen, 1. Auflage, Berlin: Duncker & Humblot GmbH, 1997.
  • Oezdes, Fatih: Auswirkungen aktueller und zukünftiger Bestimmungen zur Stärkung des Verbraucherschutzes auf den Versicherungsvertrieb, 1. Auflage, Karlsruhe: Verlag Versicherungswirtschaft, 2013.
  • Organisation for Economic Co-operation and Development: Promoting Consumer Education – Trends, Policies and Good Practices, 1. Auflage, Paris: OECD Publishing, 2009.
  • Rieksmeier, Markus: Erklärungsnotstand Altersvorsorge – warum selbst Experten versagen; eine Diagnose mit Therapievorschlägen, 1. Auflage, Wiesbaden: Gabler, 2010.
  • Schwan, Patrick: Der infomierte Verbraucher?, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009.
  • Zeitschrift für Europäisches Unternehmens- uns Verbraucherrecht/ Journal of European Consumer and Market Law.

Zum Thema libertärer Paternalismus

  • Neumann, Robert: Libertärer Paternalismus: Theorie und Empirie staatlicher Entscheidungsarchitektur – Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik, 1. Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck Verlag, 2013.
  • Reisch, Lucia A.; Sandrini, Julia: Nudging in der Verbraucherpolitik – Ansätze verhaltensbasierter Regulierung, 1. Auflage, Baden-Baden: Nomos, 2015.
  • Schnellenbach, Jan: Wohlwollendes Anschubsen – Was ist mit liberalem Paternalismus zu erreich und was sind seine Nebenwirkungen?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Volume 12, Issue 4, pp. 445-459, November 2011.
  • Thaler, Richard H.; Sunstein, Cass R.: Nudge – wie man kluge Entscheidungen anstößt, 4. Auflage, Berlin: Ullstein, 2014.
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