Versicherungsspitzen – eine Serie am ivwKöln

Seit es den Newsletter (hier) gibt startet dieser mit den Versicherungsspitzen. Einem Prolog eines Mitglieds des ivwKöln. Diese, oft zeitgemäßen Texte, wollen wir hier im Blog als kleine Serie vorstellen und posten ab und zu den einen oder anderen Text aus der Vergangenheit mit Jahres- und Autorenangabe.

Den Anfang mach ein Text aus 2019 von Prof. Dr. Torsten Oletzky.

Viele Spaß

 

Ene Besuch im Zoo – von digitalen und anderen Ökosystemen

Die Kölner lieben bekanntlich den Karneval und ihre Karnevalslieder. Einer der Klassiker vom unvergessenen Willy Millowitsch startet mit den Zeilen „Ene Besuch im Zoo, oh, oh, oh, oh, nä wat is dat schön, nä, wat es dat schön.“ Und was hat das mit Versicherung zu tun, mögen Sie jetzt fragen. Ganz einfach: Die Versicherer haben ein neues Lieblingsthema für sich entdeckt: das Ökosystem!

Den Begriff Ökosystem hat man zuletzt in so vielen Verlautbarungen von Versicherern gefunden, dass ich die Bedeutung sicherheitshalber noch einmal im Duden nachgeschlagen habe. „Kleinste ökologische Einheit eines Lebensraumes mit in ihm wohnenden Lebewesen“ heißt es dort. Ja und wo findet man so etwas? Im Zoo! Einer der großen Kölner Versicherer hat seine Zentrale bekanntlich direkt neben dem Kölner Zoo – ob man dort wohl zuerst auf die Idee mit dem Ökosystem gekommen ist?

Schaut man genauer in die Veröffentlichungen der Versicherer, so scheint es ihnen doch um eine andere Art Ökosystem zu gehen. Da heißt es etwa „Kooperation mit Bosch – Gothaer baut digitales Ökosystem aus“ oder „ERGO baut mit SAP S/4HANA Insurance ein Ökosystem rund um Mobilität auf“. Das Interesse gilt also weniger den Kamelen und Elefanten, die Millowitsch besingt, als potenziellen Partner-Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Im Kontext der Digitalisierung großer Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft sind die Versicherer zu der Erkenntnis gekommen, dass sie Netzwerke und Allianzen benötigen, um die Kunden auch in Zukunft optimal bedienen zu können.

Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Auch in der Vergangenheit haben die K-Versicherer mit Autoherstellern kooperiert und Werkstattnetze aufgebaut oder die Rechtsschutzversicherer ein Netzwerk aus Partneranwälten aufgebaut. Mit der Digitalisierung gewinnen diese Netzwerke und Allianzen zusätzlich an Bedeutung. Die Kundenschnittstelle verschiebt sich und es wird für die Versicherer zunehmend schwerer, den Kunden über einen zentralen Kanal, die Agentur oder den Makler, zu erreichen. Es geht insofern nicht mehr nur um einzelne Kooperationen oder einfache Netzwerke gleichartiger Dienstleister, sondern um komplexere Verbünde von Unternehmen mit unterschiedlichen Service-Angeboten, die sich im Idealfall ergänzen und gegenseitig unterstützen – und so entsteht das Bild vom Ökosystem.

Eine interessante Bestandsaufnahme zu diesem Thema findet sich in der Berichterstattung über eine Podiumsdiskussion auf der Digisurance, einer Veranstaltung zu Digitalisierungsthemen der Versicherungswirtschaft aus dem März 2019. Dort wird der IT-Vorstand eines Versicherers wie folgt zitiert: „Die Ökosysteme sind für uns Versicherer überlebenswichtig, um für den Kunden relevant zu bleiben“. Die übrigen Diskutanten schlossen sich seiner Meinung an und das hätte ich wohl auch. Bleibt die Frage, wie weit die Versicherungswirtschaft diese Erkenntnis schon in praktische Projekte umgesetzt hat. Hierzu findet man in dem Bericht den ebenso klaren wie ernüchternden Hinweis: „Beispiele für ein bestehendes Ökosystem hatte jedoch keiner der Diskutanten an der Hand.“

Woher kommt diese Diskrepanz zwischen der hohen Bedeutung, die Versicherer den Ökosystemen beimessen, und den offensichtlich eher überschaubaren Ergebnissen bisheriger Versuche, solche Ökosysteme aufzubauen? Vielleicht liegt es daran, dass alle Beteiligten zuerst den eigenen Vorteil im Blick haben. Der Versicherer sieht vor allem die Vertriebskapazität der Partner und diese erhoffen sich umgekehrt vor allem den Vertrieb ihrer Produkte über die Vermittler des Versicherers. So funktionieren Partnerschaften aber in den seltensten Fällen. Vielmehr sollten die Teilnehmenden frei nach John F. Kennedy verfahren: „Frag nicht, was Dein Ökosystem für Dich tun kann, frag lieber, was Du für Dein Ökosystem tun kannst.“ Oder anders formuliert: Ökosysteme funktionieren dann am besten, wenn alle Beteiligten zuerst an den Kundennutzen und nicht an den eigenen Vorteil denken.

Auch sollten sich die Versicherer von dem Gedanken verabschieden, dass sie es sind, die im Ökosystem den Ton angeben. Fragen wir uns doch ganz ehrlich: Wer ist besser positioniert, ein ‚Ökosystem Mobilität‘ zu orchestrieren – ein weltweit operierender Kfz-Hersteller oder ein mittelgroßer deutscher Versicherer? Und: Wieviel Ressourcen benötigt es ein ‚Ökosystem Gesundheit‘ auf die Beine zu stellen und welchen Teil davon kann ein privater Krankenversicherer mit vielleicht 500.000 Vollversicherten davon leisten? Der Aufbau relevanter Ökosysteme übersteigt die Ressourcen der meisten Versicherer bei weitem. Es wäre daher für viele Versicherer eine deutlich plausiblere Strategie, eine relevante Rolle in großen, von ihnen nicht kontrollierten digitalen Ökosystemen zu spielen, als den Versuch zu unternehmen, diese aus eigener Kraft aufzubauen. Aber die chinesische Ping An hat es doch aus eigener Kraft geschafft? Stimmt, aber die verfügen eben auch über etwas mehr Ressourcen als die deutschen Versicherer.

Das ist jedoch kein Grund sich zu grämen oder gar zu resignieren. Die Natur lehrt uns, dass man in einem Ökosystem auch eine sinnvolle und geschätzte Rolle spielen kann, ohne gleich das ganze Ökosystem zu dominieren. Beispiel gefällig? Der Buphagus Erythrorhynchus (zu Deutsch: Rotschnabel-Madenhacker) macht es uns vor. Dieser sympathische kleine Vogel hat sich darauf spezialisiert, deutlich größere Tiere wie Nashörner oder Büffel von Ungeziefer zu befreien, den Schwergewichten im gemeinsamen Ökosystem also im wahrsten Sinne des Wortes „den Rücken frei zu halten“. Das ist doch eine schöne Rolle, die auch den Versicherern gefallen können sollte.

Fazit: Ein Besuch im Zoo lohnt sich auch für Versicherer. Wenn man nur genau genug hinschaut, erhält man manche Anregung für die eigene Unternehmensstrategie.

Torsten Oletzky

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