{"id":2038,"date":"2020-08-03T09:40:00","date_gmt":"2020-08-03T07:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/?p=2038"},"modified":"2021-03-31T08:32:30","modified_gmt":"2021-03-31T06:32:30","slug":"koelner-versicherungsspitzen-xxxi-von-toten-truthaehnen-und-hoechst-lebendigen-schwaenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/2020\/08\/03\/koelner-versicherungsspitzen-xxxi-von-toten-truthaehnen-und-hoechst-lebendigen-schwaenen\/","title":{"rendered":"K\u00f6lner Versicherungsspitzen XXXI Von toten Truth\u00e4hnen und h\u00f6chst lebendigen Schw\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p>Der Psychologe Gerd Gigerenzer beschreibt in seinem lesenswerten Buch \u201eRisiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft\u201c anhand der sogenannte Truthahnillusion, wie riskant es sein kann, sich an vorhandenen Zust\u00e4nden oder bestehenden Trends zu orientieren. Der Truthahn, der seinen Z\u00fcchter bisher nur in Zusammenhang mit der t\u00e4glichen F\u00fctterung kennt, f\u00fchlt sich jeden Tag sicherer, dass der Z\u00fcchter auch am Folgetag wieder Gutes f\u00fcr ihn bringt. Allerdings kennt der Truthahn den Thanksgiving-Tag noch nicht &#8230;<br \/>\nDer Truthahn hat die G\u00fcltigkeit seiner erlernten Regel \u00fcbersch\u00e4tzt und daraus eine falsche Vorhersage f\u00fcr die Zukunft getroffen. Ebenso geht es den meisten von uns \u2013 auch wir Menschen neigen dazu, das Ausma\u00df zu \u00fcbersch\u00e4tzen, in dem wir die Vergangenheit verstehen (\u201eIllusion des Verstehens\u201c) und auf Basis dieses Wissens die Zukunft vorhersagen k\u00f6nnen (\u201eIllusion der G\u00fcltigkeit\u201c).<\/p>\n<p>Unter Kenntnis der richtigen Rahmenbedingungen h\u00e4tte der Truthahn sein Prognosemodell durchaus anpassen k\u00f6nnen und sein Schicksal korrekt vorhersagen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend der Truthahn davon aber wohl kaum profitiert h\u00e4tte, sondern sein kurzes Leben h\u00f6chstens noch mit Depressionen belastet h\u00e4tte, \u00fcberleben wir die meisten unserer Fehleinsch\u00e4tzungen und k\u00f6nnen daraus lernen \u2013 zumindest theoretisch \u2013 indem wir die Rahmenbedingungen unseres Modells erweitern und auch m\u00f6gliche extreme \u00c4nderungen der zugrundeliegenden Parameter einbeziehen.<br \/>\nIm positivsten Fall m\u00fcndet dieses Lernen in Instrumenten, die unterschiedlichste Parameter und Szenarien ber\u00fccksichtigen. \u201eStresstests\u201c sollen auf Basis historischer Erfahrungen oder hypothetisch erwarteter Ereignisse die Stabi-lit\u00e4t und Widerstandsf\u00e4higkeit von Unterneh-men oder Institutionen absch\u00e4tzen und diese so auszurichten, dass sie solche Szenarien mit bestimmten (hohen) Wahrscheinlichkeit \u00fcberstehen k\u00f6nnen. Die Stressszenarien der EIOPA beispielsweise ber\u00fccksichtigen die Entwicklung von Zinsen und B\u00f6rsenkursen, von demographischen Faktoren sowie von Naturkatastrophen, und decken damit einen wesentlichen Teil m\u00f6glicher Risiken ab.<\/p>\n<p>Die aktuelle Corona-Krise zeigt einerseits die Bedeutung solcher Risikostrategien, anderer-seits aber auch deren Grenzen, weil sie immer noch auf Ereignisse mit einer gewissen Wahr-scheinlichkeit oder zumindest Erwartbarkeit abzielen. Der B\u00f6rsenh\u00e4ndler Nassim Taleb (auf den sich auch Gigerenzer mit seiner Truthahnillusion bezieht) hat in seinem bekannten Werk \u201eDer Schwarze Schwan\u201c auf die oft extremen Konsequenzen von unerwarteten Ereignissen hingewiesen. Die \u201eschwarzen Schw\u00e4ne\u201c, die schon bei Popper als Beispiel der Falsifizierung induktiver Verallgemeinerungen herangezogen werden, dienen als Metapher f\u00fcr solch \u00fcberraschende Ereignisse, die im Einzelnen zwar nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit aufweisen, in der Summe dann aber doch h\u00e4ufig unser Leben auf den Kopf stellen.<br \/>\nNun l\u00e4sst sich im Einzelfall \u2013 aktuell zu Corona \u2013 trefflich dar\u00fcber streiten, ob es sich um einen schwarzen Schwan handelt, oder ob das Ereignis nicht doch vorhersehbar war oder sogar vorhergesehen wurde. Bei einzelnen Akteuren \u2013 darunter bekannterweise Bill Gates \u2013 war das sicherlich der Fall, und auch manche Risikomodelle beziehen explizit Pandemien mit ein. Aber Hand aufs Herz: Die meisten von uns geh\u00f6rten wohl nicht dazu und h\u00e4tten sich weder privat noch beruflich tr\u00e4umen lassen,wie ihr Leben sich in k\u00fcrzester Zeit durch eine Pandemie \u00e4ndern w\u00fcrde. Und diejenigen, die meinen, vorausschauender gewesen zu sein, m\u00f6gen sich fragen, ob sie nicht eher Opfer einer in der Psychologie als R\u00fcckschaufehler bezeichneten Verzerrungstendenz sind, nach der man seine eigene Voraussicht im Nachhinein \u00fcbersch\u00e4tzt.<br \/>\nSelbst in der historisch gesehen kurzen Zeit-spanne meines \u201eErwachsenseins\u201c gab es bereits eine ganze Reihe solcher \u2013 zumindest subjektiv gesehen h\u00f6chst \u00fcberraschend eintretender \u2013 \u201eSchwarzer Schw\u00e4ne\u201c, wie zum Beispiel das Aufkommen von Aids Anfang der achtziger Jahre, Tschernobyl, der Zusammenbruch des Ostblocks, der gro\u00dfe Tsunami von 2004 (Sie erinnern sich: das Wort mussten wir damals erst einmal im Lexikon nachschlagen), 9\/11 oder nun eben die aktuelle Corona-Pandemie. Dazu kommen eine ganze Reihe von meist ebenso \u00fcberraschenden Wirtschafts- und Finanzkrisen. Alle diese Ereignisse haben die Welt zumindest kurzfristig, manche aber auch dauerhaft ver\u00e4ndert.<br \/>\nWenn wir ein solches Ereignis nun in unsere zuk\u00fcnftigen Szenarien mit aufnehmen, dann werden diese zwar ein St\u00fcckchen weit besser, sind danach aber immer noch fast genauso unvollst\u00e4ndig, weil ja nur jeweils ein einzelner Schwarzer Schwan eliminiert wurde. Was ist zum Beispiel mit einem gro\u00dfen Kometeneinschlag, wie er zumindest alle paar hunderttau-send Jahre zu erwarten ist, einem verheeren-den Vulkanausbruch wie einst in der Antike auf Santorini, eines dank hoher Ansteckungsquote und hoher Sterblichkeit noch weitaus ge-f\u00e4hrlicheren Virus als SARS-CoV-2, oder auch einfach dem Ende der Demokratie dank Trump &amp; Co.? Vielleicht fallen Ihnen ja auch einige positive Ereignisse ein, die eine ebensolche Durchschlagkraft entfalten (die Pille gegen das Altern, die R\u00fcckkehr des Messias &#8230;)?<br \/>\nDie Lehren daraus sind: Unsere Prognosen machen Sinn, decken aber immer nur einen Ausschnitt der m\u00f6glichen Entwicklungen ab. Szenariodenken und Stresstests k\u00f6nnen helfen, bleiben aber ebenso unvollst\u00e4ndig. Vielleicht hilft das Erleben schwarzer Schw\u00e4ne uns aber, etwas weniger Vertrauen in unsere Zukunftserwartungen zu haben, und uns stattdessen mehr mit der Ungewissheit zu arrangieren.<\/p>\n<p>In diesem Sinne zeigt sich \u00fcbrigens der typische K\u00f6lner dem Truthahn und den meisten seiner Mitmenschen hoch \u00fcberlegen. Verzichtet er doch traditionell auf Prognosen (\u201eet k\u00fctt wie et k\u00fctt\u201c), und bleibt dennoch zuversichtlich (\u201eet h\u00e4tt noch emmer joot jejange\u201c). Und wenn das nichts nutzt, verf\u00fcgt er \u00fcber hochwirksame psychische Bew\u00e4ltigungsstrategien wie \u201eet bliev nix wie et wor\u201c, \u201ewat fott es, es fott\u201c und \u201ewat wells de maache\u201c?<br \/>\nWie recht er damit hat, zeigt eine etwas l\u00e4ngerfristige Prognose der Astrophysik, wonach sich in etwa einer Milliarde Jahre die Sonne vergr\u00f6\u00dfert und die Erde unbewohnbar macht. Wenn Elon Musk uns bis dahin nicht mit seinem Unternehmen SpaceX in ein anderes Sonnensystem verfrachtet hat, werden wir also sp\u00e4testens dann unser kollektives \u201eThanksgiving\u201c erleben. Solange flie\u00dft aber noch eine Menge Wasser den Rhein runter \u2013 bleiben Sie also gesund und lassen Sie sich nicht von Schwarzen Schw\u00e4nen entmutigen!<\/p>\n<p>Ihr Horst M\u00fcller-Peters<\/p>\n<p>PS: Die Truthahnillusion l\u00e4sst sich am Ende \u00fcbrigens auch auf unsere Hochschule und unser Institut \u00fcbertragen. Ich pers\u00f6nlich h\u00e4tte jedenfalls niemals geglaubt, dass sich die digitale Lehre in so kurzer Zeit so dramatisch fortentwickeln k\u00f6nnte \u2013 eine Entwicklung, die sich sicherlich auch auf die Zeit \u201enach Corona\u201c auswirken wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Psychologe Gerd Gigerenzer beschreibt in seinem lesenswerten Buch \u201eRisiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft\u201c anhand der sogenannte Truthahnillusion, wie riskant es sein kann, sich an vorhandenen Zust\u00e4nden oder bestehenden Trends zu orientieren. Der Truthahn, der seinen Z\u00fcchter bisher nur in Zusammenhang mit der t\u00e4glichen F\u00fctterung kennt, f\u00fchlt sich jeden Tag sicherer, dass der &#8230; <a title=\"K\u00f6lner Versicherungsspitzen XXXI Von toten Truth\u00e4hnen und h\u00f6chst lebendigen Schw\u00e4nen\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/2020\/08\/03\/koelner-versicherungsspitzen-xxxi-von-toten-truthaehnen-und-hoechst-lebendigen-schwaenen\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber K\u00f6lner Versicherungsspitzen XXXI Von toten Truth\u00e4hnen und h\u00f6chst lebendigen Schw\u00e4nen\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2039,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21,32],"tags":[61,99,142,154,155,165,174],"class_list":["post-2038","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-marketing","category-versicherungsspitzen","tag-corona","tag-ivwkoeln","tag-risiko","tag-schwa","tag-schwarzer-schwaene","tag-truthahnillusion","tag-versicherungsspitzen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2038"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2531,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2038\/revisions\/2531"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2039"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ivwkoeln.web.th-koeln.de\/versicherungsmarkt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}